Krank
durch Vitamine? - Die mal etwas andere Betrachtungsweise
Mag. Harald Mair
Unermüdlich wollen uns Anbieter von Vitaminpräparaten davon überzeugen, dass wir zu wenig davon zu uns nehmen, womit sie Stoffe meinen die sie uns verkaufen wollen. Da mag mancher den Eindruck gewinnen , man könne nie genug davon bekommen – schon gar nicht bei der heutigen Umweltverschmutzung bzw. Überdüngung unserer Böden.. Das Märchen jedoch von der Harmlosigkeit aller wasserlöslichen Vitamine wie B oder C usw. scheint unausrottbar. Sie gelten immer noch als unschädlich, weil der Körper wasserlösliche Stoffe ja schnell wieder ausscheiden könne. Was man dabei aber leicht vergisst. Auch Zyankali ist wasserlöslich!
Vitamine sind zum Synonym für Gesundheit geworden. Ständig heißt es wir bekommen zu wenig davon, würden sogar an einen Mangel leiden. Angeblich essen wir zu wenig B-Vitamine (deswegen sind wir so unkonzentriert), haben zu wenig Vitamin C (deswegen sind wir ständig erkältet), zu wenig Vitamin E (deswegen droht uns der Herzinfarkt) und so weiter und so fort. Auf diese Weise lässt sich mit vitaminreichen Pillen, Brausetabletten, Säften und Bonbons ein großer industrieller Umsatz machen.
Gerade bei Vitaminen bewahrheitet sich aber wieder mal die alte Weisheit des Paracelsus, nach der alle Stoffe giftig sein können, entscheidend ist eben nur die Dosis. Wer weiß schon, ob wir mit dem morgentlichen Multi-Vitamin-Joghurt, dem Mega-Vitamin-Pudding zu Mittag und dem abendlichen Giga-Vitamin-Saft nicht schnell die Grenze zur Überdosis überschreiten? Fest steht, dass es durch Vitamine im Übermaß zu Vergiftungen und – so paradox es auch klingen mag – zu Mangelerscheinungen kommen kann. Im folgenden werden 3 exemplarische Beispiele genannt.
Werfen wir mal einen wissenschaftlich-kritischen Blick zurück in die Zeit, als die Vitamine entdeckt wurden. Anfang des 17. Jahrhunderts grassierte in Japan eine Krankheit, Beri-Beri genannt, die viele Menschenleben forderte. Der Beri-Beri Krankheit werden vielfältige Symptome zugeschrieben, so zum Beispiel Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, Herzbeschwerden, Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit und Depression. Um 1860 war ein Drittel der japanischen Marinesoldaten daran erkrankt. Bald erkannte man dass Beri-Beri etwas mit dem Reis beim Essen zu tun hat. Ein japanischer General sorgte dafür, dass die Seeleute keinen Reis mehr bekamen, sondern Gerste, Fleisch und Milch. Damit war die Krankheit von den Schiffen verschwunden. Gut dreißig Jahre später war der holländische Arzt Christiaan Eijkman der Ursache der Krankheit auf der Spur. Immer wenn seine Laborhühner statt gekochten weißen Reis aus dem nahegelegenen Militärhospital einen ungeschälten Reis aus dem Supermarkt bekamen verschwanden die Symptome nach kürzester Zeit. Auf der Suche nach dem Warum fand er schließlich in der Reiskleie des ungeschälten Reises ein Gemisch verschiedener Substanzen. Einer dieser Stoffe half dem Geflügel wieder auf die Beine zu kommen. Dieser Stoff erhielt den Namen Vitamin B1 – die Vitamine waren entdeckt.
In der Euphorie über den neuentdeckten Stoff übertrug man die an den Hühnern und Tauben gewonnenen Erkenntnisse nun auf den Homo sapiens. Seither wird die Meinung vertreten, polierter Reis und Weißmehl verursachten einen Mangel an Vitamin B1.
Nach dem zweiten Weltkrieg fanden jedoch Wissenschafter den wahren Grund der Beri-Beri Krankheit heraus. Sie enttarnten einen Schimmelpilz der auf dem Reis (egal ob poliert oder Vollkorn) angesiedelt war - mit dem Namen Citreoviridin – als Ursache der Krankheit. Trotz dieser wissenschaftlich belegter und bis heute unbestrittener Erkenntnis hält sich die Theorie vom Vitamin B1 Mangel sehr hartnäckig. Und das obwohl man zum Beispiel die Nervenschäden, die Vitamin B1-Mangel beim Menschen verursachen sollte, nie nachweisen konnte. Auch die Befindlichkeitsstörungen wie Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Depressionen, und Gereiztheit, die immer wieder mit Vitamin B1 in Verbindung gebracht wurden, dürften ganz andere Ursachen haben. Wahrscheinlich sind solche Erscheinungen etwas ganz Normales. In Ernährungsversuchen bekommen die Versuchsteilnehmer eine sehr eintönige Kost, manchmal über Wochen. Man kann sich leicht vorstellen, dass ihnen dabei der Appetit vergeht, dass sie sich schlapp und müde fühlen. Der Medizinprofessor GLATZEL hält die Symptome des angeblichen Vitaminmangels daher für „unspezifische Ausdrucksphänomene monotoner Ernährung“, eine nette Umschreibung für einen Anstaltskoller (GLATZEL. H., Sinn und Unsinn der Vitamine. Stuttgart 1987).
Wie schon so oft waren die USA auch die Vorreiter der „Vitamine“. Als die Vitamine dort zur Mode-Wunderdroge aufstiegen, kam es auf den Entbindungsstationen zu einer unerklärlichen Erscheinung. Es gab bei den Säuglingen auf einmal wieder Fälle von Skorbut, der klassischen Vitamin-C-Mangelerkrankung. Was war passiert? Die Mütter der Kinder hatten im blinden Vertrauen auf den Nutzen extra viel Vitamin-C-Präparate geschluckt. Dermaßen überflutet mit dem Vitamin, schaltete der mütterliche Körper auf Ausscheidung um. Als die Kinder zur Welt kamen, tat ihr Stoffwechsel das, was er im Mutterleib gelernt hatte. Vitamin C umgehend wieder auszuscheiden. Da ihre Babykost aber nicht mehr die gewohnten Riesenmengen an Vitamin C enthielt, entstand der gefährliche Säuglingsskorbut.
Auch Erwachsene können daher bei ausreichender Vitamin-C Versorgung Skorbut bekommen, wenn sie vorher über einen längeren Zeitraum viel Vitamin C eingenommen haben.
Gerade bei Vitamin C werden immer wieder Megadosen empfohlen und auch eingenommen. Es sollen dadurch Erkältungen verhindert bzw. in ihrem Verlauf abgekürzt werden können. Dieser Schutz ist jedoch nie schlüssig bewiesen worden. Dagegen ist sicher, dass Vitamin C, in Megadosen eingenommen, ein anderes Vitamin zerstören kann, das Vitamin B12 (SCHRAUZER G., Intern. J. Vitamin Res. 1973/43, S. 201).
Vitamin D – ein probates Rattengift, wenn alle anderen Gifte versagen
Vitamin D ist eigentlich gar kein Vitamin sondern eher ein Hormon, da es in der Haut mit Hilfe der Sonnenstrahlen aus Cholesterin gebildet wird.
Bei Erwachsenen hält es der wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der Europäischen Kommission gar für zwecklos, Empfehlungen für die Vitamin D-Zufuhr abzugeben, da der Vitamin D-Stand bei den meisten Erwachsenen nicht von der Ernährung abhängt (Europäische Kommission, Berichte des wissenschaftlichen Lebensmittelausschusses – 31. Folge – Luxemburg 1994).
Dessen ungeachtet gelten Säuglinge und die Muttermilch den Ernährungsberatern als wichtigste Mangelkandidaten für Vitamin D. Ausgerechnet dem einzigen Lebensmittel, das eigens für den Menschen gemacht ist, wird ein Mangel, ein Konstruktionsfehler vorgeworfen. Hier wird dem Herrgott Schlamperei vorgeworfen! Hat er vergessen der Muttermilch genügend Vitamine mitzugeben? Um daher Rachitis (kindliche Knochenverformung) vorzubeugen sollen alle stillenden Mütter ihren Säuglingen Vitamin D-Tropfen verabreichen. „Von größter Bedeutung“, so die Expertenmeinung, seien die regelmäßigen Vitamin-D-Topfen für die Babies.
Kaum jemand verrät aber den Müttern die Gefahren einer Vitamin D Überdosis. Die Vitamin D-Vergiftung sieht einer Rachitis ziemlich ähnlich, denn werden große Mengen an Vitamin D gegeben, so wird Kalk aus den Knochen mobilisiert. Vitamin D ist so riskant, dass es Lebensmitteln, ähnlich wie Vitamin A, nur unter strengen Auflagen zugesetzt werden darf (LINDNER. E., Toxikologie der Nahrungsmittel, Stuttgard 1990).
Verantwortlich für die Mangeltheorie der Muttermilch ist ein fehlendes Verständnis für biologische Systeme.
Wozu bracht der Mensch Das Vitamin D? Unter anderem, um den Mineralstoff Calcium aus dem Darm ins Blut aufnehmen zu können. In der Muttermilch ist zwar von der Natur her wenig Vitamin D vorhanden, trotzdem wird das Calcium der Muttermilch vom Säugling hervorragend verwertet. Die Lösung ist, dass nach heutigem Stand der Wissenschaft es mindestens zwei Stoffe sind, die die Funktion des Vitamin D als Calciumtransporteur im Säuglingsdarm übernehmen. Der überreichliche vorkommende Milchzucker sowie bestimmte Eiweiße der Muttermilch, die Phosphocaseine (SCHLOIMME. E., Lebensmittelchemische Gesellschaft, Milchproteine. Hamburg 1991/4, S. 213). Da es der Körper mit Hilfe der Sonnenstrahlen selbst herstellen kann, bilden gesunde Kinder genügend Vitamin D, sobald sie an die frische Luft kommen.
Es gibt Untersuchungen, dass zuviel Vitamin D Arteriosklerose begünstigen kann. Vitamin D kann außerdem sehr giftig sein (MACHOLZ. R., Lebensmitteltoxikologie. Berlin 1989). So waren 1991 in den USA Tote zu beklagen, als in einer kleinen Molkerei das der Milch zugesetzte Vitamin D nicht gleichmäßig verrührt wurde. Und schließlich ist Vitamin D ein probates Rattengift, wenn alle anderen Gifte versagen.
Einschub in eigener Sache: Ich habe nach diesem Artikel die Vitamin D-Tropfen bei meinem Sohn sofort abgesetzt!
Dies waren 3 exemplarische Beispiele. Viele weitere über diverse andere Vitamine (B12, B6, A, ...) bzw. Mineralstoffe (Natrium, Eisen, Jod, ...) hätte man anführen können.
Fassen wir zusammen: Wir kennen die Gehalte an Vitaminen in Lebensmitteln nicht genau, und wir wissen nicht, wieviel der Körper wirklich braucht. Sicher ist jedoch, dass die vermeintlichen Gesundheitsgaranten auch großen Schaden anrichten können. Sicher ist auch, dass noch lange nicht alle Stoffe bekannt sind, die zum Gesundbleiben wichtig sind. Unser Körper benötigt auch die Wirkstoffe aus der Nahrung, die noch nicht entdeckt sind – und nicht nur ein paar populäre Vitamine. Unser Stoffwechsel funktioniert erst durch das Zusammenspiel aller Wirkstoffe optimal. Wer sich ohne Not einzelne Stoffe hochdosiert einverleibt, provoziert in seinem Organismus Störungen. Dies sollten Sportler, Ernährungswissenschafter, Eltern usw. bei der Nahrungsaufnahme von Vitaminpräparaten nicht außer Acht lassen.
Mag. Harald Mair
Staatlich geprüfter Tennistrainer
Lehrbeauftragter an den Bundesanstalten für Leibeserziehung
Mitglied der Lehrkommission des ÖTV
Mitglied des VTÖ
Ehemaliger
Davis Cup Spieler
Ehemaliger Trainer von Barbara Schett
e-mail: mhari1404@aol.com