Sportpsychologie im Tennis -
notwendig oder überflüssig?
Mag. Markus Aufderklamm

Liest und hört man Sportberichterstattungen in den Medien, so wird man schon beinahe penetrant häufig mit den Begriffen „mental“ und „psychisch“ konfrontiert. Das zieht sich durch alle Winter- und Sommersportarten, vom Schispringen bis zum Triathlon. Dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass gerade im Tennis diese Begrifflichkeiten bis zum Exzess gebraucht, um nicht zu sagen missbraucht werden.

Wer z.B. die Übertragung des Semifinalspiels der Damen bei den Australian Open 2003 zwischen Kim Clijsters und Serena Williams gesehen hat, konnte angesichts der euphorisch psychologisierenden Reporter auf Eurosport gar nicht anders, als Clijsters im 3.Satz nach 5:1 Führung und zwei nicht verwerteten Matchbällen einen „völligen mentalen Einbruch“ zu attestieren, was immer das heißen mag.

Schlagzeilen wie „auf der Couch kam die Wende“ (Artikel im U-Express über B. Schett vom 27.08.2002), Büchertitel wie „Tennis im Kopf“, „Mentales Tennis“, „Das innere Spiel“, „Zen Tennis“, etc. und Aussagen von Profispielern, dass Spiele zu 90% „im Kopf“ gewonnen werden, vermitteln den Eindruck, als ob mentale Leistungsfähigkeit im Tennis eine ganz besondere Rolle spielen würde.

Leistungsfähigkeit im Sport – was ist das? Zum richtigen Zeitpunkt sein ganzes zur Verfügung stehendes Potential ausschöpfen. Technisch, konditionell, psychisch/mental.

Die Leistung, die Spieler bringen, setzt sich dabei aus vielen Puzzleteilen zusammen: Technisches Niveau, konditionelles Niveau, mentale Stärke als Grundvoraussetzungen, Tagesverfassung (beeinflusst u.a. von der Qualität des Schlafes und der Ernährung vor dem Match), das Umgehen mit bzw. die Bewältigung von unterschiedlichen Umweltbedingungen wie Bodenbelag (Beschaffenheit, Qualität), Witterung (Hitze, Wind, Sonne, etc.), Umfeld (Zuschauer, Lärmpegel, möglicher Erwartungsdruck), Gegner (realistische Einschätzung der Stärken und Schwächen, Umsetzung dieser Erkenntnisse in die eigene Taktik).

Jeder dieser Puzzleteile hat seinen (unterschiedlich großen) Anteil an der tatsächlich vollbrachten Leistung, „unterschiedlich groß“ sowohl von Spieler zu Spieler als auch beim einzelnen Spieler von Match zu Match.

Betrachtet man nun die Vorbereitung auf ein Match, so wird ersichtlich, dass sehr wohl versucht wird, möglichst alle diese Puzzleteile so zu planen, dass zum Zeitpunkt „X“ die perfekte Leistung möglich ist. An der Technik wird gefeilt, eigene Konditionstrainingsprogramme werden erstellt und durchgeführt, regelmäßige Kontrollen und Behandlungen beim Physiotherapeuten sollen Verletzungen vorbeugen, Massagen sorgen für die Regeneration, Ernährungsberatung für Gesundheit und Wohlbefinden, genügend Schlaf und ausgewogene Ernährung vor dem Match sind eine Selbstverständlichkeit, in der Zeit vor einem Turnier erfolgt eine Vorbereitung auf den jeweiligen speziellen Bodenbelag mit der entsprechenden Ballmarke, Schläger und Bespannungen werden akribisch getunt und aufeinander abgestimmt, nichts wird dem Zufall überlassen. Fast nichts. Denn was noch fehlt, ist eine Planung des Puzzleteils „mental“. Dieser Aspekt wird dem Zufall überlassen. SpielerInnen sind einfach „mental stark“ oder eben nicht – ein krasser Gegensatz zu Berichten von SpielerInnen und Reportern.

Was ist nun unter „mental stark“ zu verstehen?

Welche psychischen Fähigkeiten und Fertigkeiten sind leistungsrelevant?

Beispielhaft seien hier erwähnt:

Bei einem sportpsychologischen Training im Leistungssport sollten nun in erster Linie Maßnahmen, welche die Entfaltung, Förderung und Verbesserung der psychischen/mentalen Leistungsvoraussetzungen betreffen, im Vordergrund stehen, mit dem Ziel der Optimierung des Performanceniveaus im Wettkampf, und erst in zweiter Linie kurative Maßnahmen zur Problembewältigung und Rehabilitation.

Schritte sportpsychologischer Intervention:

  1. Anamnese (gemeinsam mit Trainern)

Besprechung der Möglichkeiten und Wirkungsweise sportpsychologischen Trainings sowie Analyse der mentalen Stärken und Schwächen nach der Selbstbeurteilung der SportlerInnen und aus der Sicht der TrainerInnen.

  1. Leistungsdiagnostik

Die vorgenommene Leistungsdiagnostik sollte als Möglichkeit zur gezielten Verbesserung und als Hilfe zur Aufdeckung von Lernfähigkeiten dienen. In Form einer Prozessdiagnostik, d.h. durch kontinuierliche Testungen, die als Ausgangspunkt für Interventionen dienen, soll einerseits die Entwicklung gefördert und begleitet und sollen andererseits Veränderungen (und damit auch die Effizienz der Interventionen, d.h. die Wirksamkeit der Maßnahmen) gemessen werden.

Sportartspezifische Diagnostik erfolgt durch Kombination folgender Verfahren:

Ø     Fragebögen zur Erhebung der mentalen Fähigkeiten im Tennis (sowohl Selbst-, als auch Fremdbeurteilung durch den Trainer, d.h. der/die TrainerIn füllt den gleichen FB aus) und des Persönlichkeitsprofils der SpielerInnen

Ø     Computergestützte Leistungstests zur Erhebung kognitiver und psychomotorischer Ressourcenfelder (Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen, reaktive Belastbarkeit, visuelle Wahrnehmungsleistung, Ablenkbarkeit, Gedächtnis, sensomotorische Koordination, Zeit-u. Bewegungsantizipation).

Ø     Belastungstest zur Erhebung des psychophysischen Reaktionsmusters in Stresssituationen mittels Biofeedback (erhoben werden Herzfrequenz, Atemfrequenz, Hautleitfähigkeit, Muskelspannung, Hauttemperatur).

  1. Intervention

Um nach der Testung konstrukiv sinnvoll weiterzuarbeiten, findet nach der Diagnostik ein Gespräch mit TrainerIn und SpielerIn zur Besprechung und Interpretation der Ergebnisse vor. Dieses Gespräch dient zugleich als Ausgangspunkt für die Erstellung eines sportpsychologischen Trainingsprogramms zur Verbesserung der ermittelten relevanten psychischen Leistungsvoraussetzungen, das den SpielerInnen und den TrainerInnen übermittelt wird.

  1. Evaluation

Nach einer vereinbarten, angemessenen Zeitspanne, in welcher die kontinuierliche Durchführung des sportpsychologischen Trainings stattfindet, wird eine Evaluationssitzung abgehalten, wo in einem Gespräch mit SportlerIn und TrainerIn sowie durch den Einsatz eines Teils der Testbatterie der augenblickliche Ist-Zustand analysiert und mit dem Ausgangszustand und dem Soll-Zustand verglichen wird. Diese Evaluationssitzung dient dann als Richtungsweiser für die Fortführung des sportpsychologischen Trainings.

Erfahrungen aus der Praxis:

In meiner langjährigen Tätigkeit als Trainer und Sportpsychologe bin ich immer wieder auf großes Interesse an Sportpsychologie, sowohl bei SpielerInnen als auch TrainerInnen gestoßen.

Die Themen, welche die SportlerInnen im psychischen Bereich vorrangig beschäftigten, waren „Negative Energie“ (jeder Fehler im Match bedeutet einen kleinen Rückschlag, eine kleine Niederlage, und der Umgang damit kippt bei einem hohen Prozentsatz der SpielerInnen im Tennis relativ schnell ins Negative, was sich dann fortlaufend auf allen Ebenen – der emotionalen Ebene, der kognitiven Ebene und der Verhaltensebene – auswirkt und nicht selten die Leistung nachteilig beeinflusst), „Aufmerksamkeitsregulierung“ (im Tennis wird ein ständiges Umschalten der Aufmerksamkeit verlangt, unterschiedlich im Ballwechsel, zwischen den Ballwechseln und beim Seitenwechsel, „Fallen“ wie eine komfortable Führung, ein locker gewonnener Satz, Ergebnisdenken, zählen statt spielen, etc. lauern mehrfach während der Dauer eines Spieles) und „Einstellungskontrolle“ (genau wissen, was man wofür trainiert, Zielsetzung und deren ständige Kontrolle, langfristige Motive, Harmonisierung und Koordination des Umfeldes – Trainingsgruppe, Trainer, Eltern, Schule).

Aufgrund der hohen Trainingsumfänge von Tennisspielern und der Wichtigkeitshierarchie im Training zwischen Technik – Kondition – Psyche entscheiden sich immer noch mehr AthletInnen für ein sportpsychologisches Training, um eine gewisse Schwäche oder Problematik zu bewältigen, als um an einem längerfristigen und vorausschauenden Aufbau des Puzzleteils „Mental“ arbeiten zu wollen.

Um eine diesbezügliche Verbesserung zu erzielen, spielt nicht zuletzt die Öffentlichkeitsarbeit eine wesentliche Rolle in der Aufklärung und Information über sportpsychologische Inhalte, Methoden und Möglichkeiten.

Zum Autor:

Mag.Markus Aufderklamm

Sportpsychologe, staatl.gepr.Tennislehrer

Ø      Trainertätigkeit im Nachwuchs-Leistungstennis im Tiroler Tennisverband von 1987-2000

Ø      Trainer und Coach von jungen ProfispielerInnen in der Top Tennis Akademie von Sergi Bruguera 2000

Ø      Sportpsychologe am Institut für Sportwissenschaften Wien mit Tätigkeitsschwerpunkt Beratung und Betreuung von AthletInnen und TrainerInnen im Spitzensport seit 2001

markus.aufderklamm@univie.ac.at

www.univie.ac.at/sportpsy