"Die 7 Aigelsreiter" - Das Ischias Syndrom
HR Mag. Dr. Helmut Aigelsreiter

Gemeinsam mit Univ.-Prof. Dr. Friedrich Anderhuber ist es mir gelungen, im Anatomieinstitut der Universität Graz das Geheimnis des Ischiasschmerzes zu lüften und den Zusammenhang zwischen musculus piriformis und den unangenehmen Schmerzen herzustellen.

Das Kompressionssyndrom und seine Folgen

Der Ischiasnerv verlässt in Höhe des Gesäßes das Becken, läuft auf die Rückseite des Oberschenkels und schickt seine Äste schließlich bis in die Fußspitzen. An der Austrittsstelle zieht der Nerv gemeinsam und unmittelbar unterhalb des muskulus piriformis durch eine knöcherne Öffnung des Beckens. Ist im menschlichen Körper alles im Lot, macht diese enge Nachbarschaft von Nerv und Muskel keine Probleme. Gerät die Balance der Muskeln aber aus dem Gleichgewicht, wirkt sich das auch auf den Ischiasnerv aus, und zwar direkt an seiner „Schwachstelle“, der Austrittsstelle aus dem Becken. Die eigentliche Ursache für Beschwerden ist die Verkürzung des Muskels. Denn dazu neigt der musculus piriformis im Laufe der Zeit. Warum das so ist, weiß die Medizin nicht ganz genau.

Da die Muskelmasse gleich bleibt, wird der kürzere Muskel zwangsläufig dicker. Er braucht also mehr Platz und nimmt sich diesem Platz auf Kosten seines Nachbarn, des Ischasners. Wir wissen, was passiert, wenn uns etwas ununterbrochen auf die Nerven geht.

Was für den seelischen Bereich gilt, gilt auch auf körperlicher Ebene. Wenn dem Ischasnerv die verdickten Muskeln lange genug „auf den Nerv gehen“, reagiert er gereizt. Hält der Druck an, wird aus der Reizung eine Schädigung. Es kommt zu Schmerzen und Lähmungen. Dieses Phänomen, auch als Kompressionssyndrom bekannt, kennen wir an allen möglichen Stellen des menschlichen Körpers. Auch die Symptome eines gereizten Ischasnervs wurden bereits in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts beschrieben, als musculus piriformis Syndrom (Yeoman, 1928). Doch der ursächliche Zusammenhang zwischen Muskelveränderung und Schmerzgeschehen einerseits und der Möglichkeit der Therapie durch gezieltes Dehnen andererseits waren seinerzeit noch unbekannt.

Dehnen nach den Übungen
„Die 7 Aigelsreiter“


Der für den gereizten Ischasnerv verantwortliche muskulus piriformis gehört zu einer Muskelgruppe, die als „Außenroller“ oder Ausdrehermuskeln bezeichnet werden, ein Name, der sich von den Bewegungen, die diese Muskeln durchführen, herleitet. Der musculus piriformis hat aber noch eine zweite Aufgabe: Er wirkt auch bei der Streckung des Beines mit. Die Ausdrehermuskeln arbeiten also gleichzeitig als Strecker. Das erklärt, warum der gereizte Ischasnerv bei gestrecktem Bein besonders schmerzt.
Dieses Wissen macht sich die Medizin mit dem sogenannten Gower-Bionnet-Test zunutze. Dieser einfache Test stellt fest, ob jemand tatsächlich an einem muskulär bedingten Ischiassyndrom leidet. Hat der Patient bei der Beugung des Beins und gleichzeitigen Innenrotation des Hüftgelenks Schmerzen, ist er mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit betroffen. Meine spezielle Übung sorgt dafür, dass genau dieser Muskel gedehnt wird. Das beseitigt die Verkürzung des Muskels und seine Verdickung. Der Ischiasnerv hat daher wieder Platz und keinen Grund mehr für eine anhaltende, schmerzhafte Reizung.

Revolution in der Ischasbehandlung

Was so einfach und einleuchtend klingt, ist eigentlich eine revolutionäre Entwicklung in der Behandlung des Ischiassyndroms. Denn die Medizin wusste bislang nur, dass der Ischiasnerv Schmerzen im Gesäß oder im Kreuzbein verursacht. Dass das mit einer muskulären Verkürzung zusammenhängen kann und durch Dehnung behandelbar ist, bedachte man nicht.
Diese Entdeckung ist Prof. Dr. Anderhuber und mir gelungen. Wie viele Fälle von Ischias tatsächlich muskulär bedingt sind und sich damit durch Dehnungen behandeln lassen, wissen wir noch nicht. Das wird die medizinische Forschung erst herausfinden müssen.
Das musculus piriformis Syndrom hat das selbe Hauptsymptom wie der Bandscheibenvorfall (Schmerzen entlang des Ischiasnervs). Allerdings sind beim Bandscheibenvorfall die aus dem Rückenmark austretenden Nervenfasern Ursache des Schmerzes. Die Symptome beider Krankheiten sind sich also recht ähnlich. Daher kann es vorkommmen, dass es sich bei einem angeblichen Bandscheibenvorfall tatsächlich um ein musculus piriformis Syndrom handelt. Typische Beschwerden beim Pirifomissyndrom sind ein Schweregefühl und ein dumpfer Schmerz in der Gesäßmitte. Der Schmerz kann bis in das Bein strahlen. Bewegungseinschränkungen sind möglich. Häufig fühlt sich das Gesäß kalt an. Die Schmerzen verschlimmern sich an Regentagen (evt. auch dann, wenn der Betroffene hustet oder bei der Stuhlentleerung).

„Wenn der Ischiasschmerz nicht eindeutig auf eine erkennbare Erkrankung oder auf einen Bandscheibenvorfall zurückzuführen ist, sollten zuerst einmal Dehnungsübungen versucht werden. Besonders bei einem diffusen, unklaren Diagnosebild könnte die Ursache für die Schmerzen in einem verkürzten und verdickten Muskel liegen, der auf den Ischiasnerv drückt.“
Univ.-Prof. Dr. Friedrich Anderhuber
Vorstand des Grazer Universitätsinstituts für Anatomie 

Ausgangsstellung:

• Halbschneidersitz
• linkes Bein gestreckt

4 Positionen links
4 Positionen rechts
• mit linker Hand zur rechten
Innenferse greifen,
• rechte Hand drückt rechtes
Knie nach unten

7 Atemzüge lang
(ca. 1 Minute)

Bein wechseln
• Rumpfbeuge,
• verschränkte Arme
zwischen gegrätschten
Beinen auf Boden legen

7 Atemzüge lang
(ca. 1 Minute)

Bein wechseln
• linkes Bein über gebeugtes
rechtes Bein führen
• linkes Knie mit beiden
Armen zur Brust ziehen,
gleichzeitig linkes Gesäß nach unten drücken

7 Atemzüge lang
(ca. 1 Minute)

Bein wechseln